Eine Liebesgeschichte über Good Governance

Ich höre gerade Old Pine von Ben Howard und mein Herz füllt sich mit Liebe. Es war dieses Lied, was gelaufen ist, als wir vor zwei Tagen unsere Absolvent*innen im Kolleg feierlich verabschiedet haben. Es ist traurig und schön zugleich. Neben mir – nur Wolken und strahlende Augustsonne. Ich fliege zu meiner Familie, um sie zu besuchen, nach ein Paar Wochen, in denen wir uns nicht gesehen haben.

Ich habe Zeit. Mir fällt ein, dass ich Euch noch nie über eine Herzensangelegenheit von mir erzählt habe, der ich die Hälfte jeder meiner Wochen seit mehr als einem Jahr voll und ganz widme – das Carl Friedrich Goerdeler-Kolleg für Good Governance an der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin. Lasst mich Euch diese Liebesgeschichte hier erzählen.

Ich durfte das wundervolle Team vor ein paar Jahren im Rahmen eines Beratungsauftrags tiefer kennenlernen und ich habe mich verliebt: in der Aufrichtigkeit dieser Menschen und in der Schönheit derer Arbeit, welche Held*innen von demokratischen Entwicklungen nährt, stärkt und miteinander so verbindet, dass sie ein inneres zu Hause finden. Ich konnte nicht mehr fort. Ich durfte bleiben ❤  

Meine Kolleginnen Claire und Marina (Fotocredit Stephan Roehl/DGAP)

Das Kolleg

Dem Kolleg gelingt seit über zehn Jahren nicht mehr und nicht weniger als jährlich zwanzig herausragende Persönlichkeiten und Nachwuchsführungskräfte aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft der EU in den Prinzipien von Good Governance weiterzubilden – Rechtsstaatlichkeit, Verantwortung, Transparenz und Gemeinwohl. Wir machen das durch eine wissenschaftliche Weiterbildung und eine Reihe von Trainings in praktischen Handlungskompetenzen, wie z.B. Führungskompetenz und partizipative Prozessgestaltung. Als Erwachsenenbildungswissenschaftlerin, Psychologin und systemischer Coach bin ich für die Konzeption des Curriculums und für die Ausgestaltung des Weiterbildungsprozesses im Kolleg zuständig.

Jahrgang 2019/2020, Sofia, in März 2020. Dank der tatkräftigen Unterstützung und exzellenten Fachexpertise der bulgarischen Goerdeler-Alumni Petya Dyulgerova, Rozalina Laskova und Yasen Georgiev durften wir das Zwischenmodul der Weiterbildungsjahr in Sofia veranstalten. Fotocredit Zdravko Yonchev/DGAP

Doch wie lassen sich die Inhalte von Good Governance erlernen und vermitteln? Wie inspiriert man erwachsene Menschen für Integrität – für diese radikale Verkörperung von Werten, selbst wenn einem dies Nachteile bringt? Kann man das lernen? Und besser noch – lässt sich das vermitteln?

Lässt sich Good Governance vermitteln?

Hinter den großen Worten Verantwortung, Transparenz und Gemeinwohl versteckt sich ein komplexes Geflecht von Fachexpertise, Handlungskompetenzen sowie eine bestimmte Haltung, die auf die Verkörperung ethischer Werte basiert. In meiner täglichen Arbeit bin ich damit beschäftigt, immer neue und passgenaue Antworten auf die Frage zu finden, wie einen Weiterbildungsprozess für erwachsene Lernenden so konzipiert, gestaltet und begleitet werden kann, dass er eine Weiterentwicklung für das Individuum auf all diese Ebenen zugleich ermöglicht. Und zwar wirksam und nachhaltig.  

Stephan Roehl/DGAP

Wie Wissens- und Kompetenzvermittlung von guter Qualität geht, wissen inzwischen alle kompetenten Fachkräfte, die auf diesem Gebiet tätig sind. Doch wie ermöglichen wir ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung von der oben beschriebenen Komplexität im Rahmen von einem Weiterbildungsprozess für Erwachsene?

Wie Erwachsene lernen

Das ist eine deutlich herausforderndere Angelegenheit, zumal durch Forschungsergebnisse seit Jahrzehnten sowie für mich – durch meine eigene Praxiserfahrungen – bereits Folgendes feststeht:

  • Erwachsene können nur freiwillig lernen, d.h. sie sind nur dann bereit, neue Inhalte zu rezipieren, wenn sie selbst intrinsisch motiviert und von dem Nutzen fest überzeugt sind;
  • Erwachsene können problemlos, auch in hohem Alter, neue Inhalte und Fähigkeiten rezipieren, wenn diese zu ihren bereits vorhandenen Selbst- und Weltanschauungen passen und mit diesen übereinstimmen (additives Lernen). Doch was mit der voranschreitenden Herausbildung von festen neuronalen Strukturen im Gehirn eines erwachsenen Individuums immer schwieriger wird, ist das Umlernen – die Veränderung von vorhandenen Einstellungen oder das Kultiviere von Einstellungen, die zu den bisherigen Denkweisen und Gefühlsmustern nicht passen (transformatives Lernen).

Das bedeutet, dass, außer in Krisensituationen, wir uns im Erwachsenenalter zwar weiterentwickeln, weil wir uns ja immer weiterbilden, doch wir rezipieren meistens nur mehr vom Gleichen, also mehr von dem, was wir sowieso schon dachten und konnten – salopp ausgedrückt.

Mit dem Kollegdirektor, Prof. Günter Verheugen. Berlin 2019, Fotocredit Stephan Roehl/DGAP

Erwachsenenbildung, zumindest wie ich sie verstehe, will aber mehr als nur das. Sie will die volle Entfaltung der Persönlichkeit fördern, unabhängig vom Alter, vom Bildungsstand, von sozio-ökonomischen Hintergründen, von sexueller Orientierung, von religiöser und ethnischer Zugehörigkeit. Sie will uns dazu verhelfen zu werden, wer wir wirklich sind. Und sie will jede Chance dafür nutzen, egal wie viel oder wenig von einem Leben noch übrigbleibt. Sie ist radikal. Sie liebt und sie erkennt das echte Selbst.

Und um diesen Anspruch einzulösen, sollte echte Bildung nicht nur das Dazulernen anstreben, sondern auch das Umlernen und das bewusste Weglassen von dem, was einem nicht mehr dient. Dies ist nur möglich, wenn kognitive und emotionale Prozesse Hand in Hand gehen und bewusst verarbeitet werden können.

Jahrgangstagebuch. Sofia, März 2020. Fotocredit Zdravko Yonchev/DGAP

Was genuines Erwachsenenlernen braucht

Dafür brauchen wir einen Lernraum zu ermöglichen, in welchem authentische Beziehungen möglich werden. Nicht nur oberflächliche Begegnungen, sondern das emotionale Involviert-Sein – in Inhalten und in das Interesse für die jeweils anderen. Wenn aufrichtige Beziehungen entstehen, werden genau diese Stellen in unserem Gehirn stimuliert, die für die für das Lernen wichtigste Emotion zuständig sind – das Neugierig Sein. Wir stellen uns plötzlich neue Fragen. Wir wollen den anderen verstehen. Wir wollen, dass die andere uns versteht. Wir sind mal wieder Anfänger. Wir staunen wieder. Wir sind nicht mehr cool, gefühllos, stumpf. Wir sind reizbar, wir fühlen, wir wandeln uns dadurch, dass sich unser Herz mal wieder bewegt hat. Oder besser gesagt – bewegt wurde.

Und ohne es zu merken, werden plötzlich neue Neuronen in unserem Gehirn wach, tanzen miteinander, bilden neue Figuren und Kompositionen und brechen den Bahn für neue neuronalen Verbindungen, die uns eine neue, für unser heutiges erwachsenes Selbst stimmige und passgenaue Sichtweisen ermöglichen.

Foto: Stephan Röhl/DGAP

Im Goerdeler-Kolleg haben wir versucht, diesem hohen Anspruch gerecht zu werden. Wir haben vom Herzen einen Raum erschaffen, in dem jede*r Einzelne mit ihrer*seiner Persönlichkeit gesehen und verstanden wird. In dem alles zählt – nicht nur die Exzellenz der Fachexpertise, sondern auch die Kraft der echten Konfrontation; den Mut sich zu zeigen; die Ansteckungskraft des spontanen, unvergesslichen gemeinsamen Lachens; die Wärme von Augen, die gerade bemerkt haben, dass sie kompromissbereit sind; den Wert von einem Seufzen, das gerade fühlt, es kann verzeihen. Die Würde eines erhobenen Hauptes, das sich zum ersten Mal erlaubt, radikal hinter den eigenen Werten zu stehen. Mit allen Konsequenzen.

Authentisches Miteinander ermöglicht Persönlichkeitsentwicklung

Durch Wissensvermittlung sind wir besser in der Lage, ein Themenbereich zu überblicken und zu verstehen, was dabei wichtig und zu beachten ist. Durch die Trainings lernen wir das ‚Wie‘ – wirksame Werkzeuge weisen uns den Weg in die Praxis. Doch es ist das gefühlte und geteilte Miteinander, welches uns dazu inspiriert und erst richtig befähigt, eine bessere Version von uns selbst zu sein.

Foto: Stephan Röhl/DGAP

Es ist das authentische Miteinander, was die Kraft hat, innere Integrationsprozesse unerwartet in Ganz zu setzten, Reifung voranzutreiben und dadurch uns einzuladen, mehr von dem Menschen zu sein, der*die das Anderssein der anderen akzeptieren und schätzen kann, ohne sich bedroht zu fühlen. Wir sind plötzlich glücklicher mit uns selbst und in unserer Haut – und dadurch umso fähiger, anderen Menschen Glück und Wohl, ja gerade Gemeinwohl, zu gönnen.

Good Governance bedarf nicht nur Kompetenz, sondern auch eine integere Psyche

Ich bin der festen Überzeugung, dass Menschen mit allen Voraussetzungen zur Welt kommen, gute Menschen zu sein. Doch wie entsteht Bad Governance? Damit ein Mensch in verantwortungsvoller Position die Wahrheit verschweigt und zu lügen beginnt; sich nie gesättigt fühlt und dafür sich immer weiter an fremden Ressourcen bereichert; sich immer noch selbst ins Spiegel anschauen kann, auch wenn er*sie anderen Menschen ihren Rechten beraubt hat; und sich nicht weiterbilden will, obwohl ihm*ihr Schlüsselkompetenzen fehlen, um seine*ihre Aufgabe vernünftig im Dienste anderen zu erfüllen – damit das alles so gekommen ist, muss bei der Sozialisation dieses Menschen ganz schön viel kaputt gegangen sein.

Daher bin ich der Meinung, dass Bad Governance nicht irgendwo allein in mangelnder Kompetenz wurzelt, sondern in den dunklen, unbeleuchteten Teilen unserer Psyche. Nun, psychische Wunden entstehen immer durch ein Gegenüber. Durch eine*n andere*n. Sie entstehen in Interaktion, in Beziehung. Und wir Menschen sind so erschaffen, dass es gerade Interaktionen und Beziehungen sind, die uns auch heilen können. Wir müssen wissen, wie es sich anfühlt, geliebt zu werden, um andere lieben zu können. Wir müssen erfahren haben, wie sich jemand zu uns aufrichtig entschuldigt, um selbst unsere Fehler zugeben zu können. So sind wir gemacht und wir können dieser Natur nicht entfliehen. Aber wir können viel füreinander tun – in jedem Alter und in jedem Kontext.

Foto: Stephan Röhl/DGAP

Deswegen bin ich der Meinung, dass die Lern- und Arbeitsatmosphäre, die wir im Goerdeler-Kolleg erschaffen, den Raum den wir halten, nicht einfach „nice to have“ sind. Sondern sie sind alles, was uns zur Verfügung steht, um andere zu fördern. Denn nur wenn wir unseren Kollegiat*innen mit radikalem Vertrauen begegnen, ihre Ressourcen aufrichtig sehen, ihre Schwächen mit Liebe akzeptieren, und sie immer wieder in Respekt einladen, ihre Komfortzone zu verlassen und sich auf Neuland einzulassen – doch auch gleichzeitig bereit sind, auf ihr Nein zu hören, sollte es so kommen – tragen wir dazu bei, dass unsere Kollegiat*innen  und Alumni als nächstes selbst ihren Mitarbeiter*innen, ihren Mitbürger*innen mit Vertrauen begegnen, mit Großzügigkeit, mit Akzeptanz und mit Verständnis.

Wenn wir mit einer Gruppe arbeiten, widerspiegeln sich die Beziehungen im Team in die Dynamik unter den Teilnehmenden in der Gruppe. Danke, Claire und Marina, für unsere erfüllende Zusammenarbeit! Fotocredit Stephan Roehl/DGAP

Das mag so klingeln, als ob wir solch einen Raum lediglich deshalb erschaffen haben und halten würden, damit unsere Kollegiat*innen sich entwickeln können. Hier ist für mich der Moment, in dem sich Beruf und Herz in einem vereinen – in einer Berufung. Meine Wahrheit ist, dass diese Ausführungen nur ein Weg für mich sind, theoretisch der für mich einzig mögliche, gangbare Weg zu begründen. Wir hätten es nicht anders machen können, denke ich.

Etwas geben zu dürfen, ist ein Geschenk

Aber das alles wäre ohne die andere Seite nicht möglich gewesen – nicht ohne die zahlreichen eingenommenen Einladungen. Nicht ohne die vielen gereichten Hände, die nach unseren gegriffen haben, nachdem wir unsere ausgestreckt hatten. Nicht ohne das Vertrauen, das uns entgegen gebracht wurde von den Kollegiat*innen und Alumni des Kollegs. Für dieses Geschenk, was lange mit mir bleiben wird, bin ich zutiefst dankbar.  

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